Unternehmen investieren kontinuierlich in Onboarding und Personalentwicklung. Trainings werden besucht, Lernplattformen genutzt, Inhalte verstanden. Und doch zeigt sich im Arbeitsalltag immer wieder dieselbe Herausforderung: Wissen wird nicht konsequent angewendet. Entscheidungen werden vermieden, Unsicherheiten bleiben bestehen, Fehler wiederholen sich.
Dieses Phänomen ist kein individuelles Lernproblem, sondern ein strukturelles. Die Lücke zwischen Wissensvermittlung und Wissensanwendung zählt zu den größten Herausforderungen moderner Personalentwicklung – im Onboarding ebenso wie im Upskilling, Reskilling oder in der Ausbildung.
Die Transferlücke: Warum Wissen allein nicht ausreicht
Klassische Lernformate sind in erster Linie auf Wissensvermittlung optimiert. Sie beantworten Fragen wie:
- Was ist richtig?
- Welche Regel gilt?
- Wie funktioniert ein Prozess?
Was sie jedoch nur begrenzt leisten, ist die Vorbereitung auf reale Arbeitssituationen:
- Wann wende ich dieses Wissen an?
- Welche Entscheidung ist in diesem Kontext sinnvoll?
- Was passiert, wenn Informationen unvollständig sind?
Wissensanwendung erfordert mehr als Verstehen. Sie setzt voraus, dass Lernende Entscheidungen treffen, Konsequenzen erleben und ihr Handeln reflektieren. Genau hier entsteht die Transferlücke.
Onboarding und Personalentwicklung als kritische Transferpunkte
Im Employee Lifecycle gibt es zwei besonders sensible Phasen für Wissensanwendung:
Onboarding
Im Onboarding entscheidet sich früh, ob Lernen als Informationsaufnahme oder als aktiver Prozess verstanden wird. Neue Mitarbeitende erleben hier, ob sie Inhalte lediglich konsumieren – oder ob sie frühzeitig in Situationen gebracht werden, in denen Wissen angewendet werden muss. Das gilt auch für Onboarding für Azubis, bei dem frühe Lernerfahrungen besonders prägend sind.
Kontinuierliche Personalentwicklung
In der fortlaufenden Personalentwicklung zeigt sich die Transferlücke besonders deutlich. Neue Inhalte werden vermittelt, doch im Alltag fehlen sichere Anwendungsmuster. Upskilling und Reskilling bleiben wirkungsschwach, wenn Lernformate nicht an reale Entscheidungssituationen anschließen.
In beiden Phasen ist nicht die Menge der Inhalte entscheidend, sondern die Frage: Wie wird Wissen handlungsfähig?
Warum Game-based Learning hier ansetzt
Game-based Learning verschiebt den Fokus von der Wissensabfrage zur Wissensanwendung. Lernende werden nicht gefragt, ob sie etwas wissen, sondern was sie damit tun.
Typische Wirkmechanismen:
- Aktiver Wissensabruf statt passiver Aufnahme
- Entscheidungen unter Zeitdruck oder Unsicherheit
- Sichtbare Konsequenzen von Entscheidungen
- Soziale Aushandlung und Diskussion
Dadurch wird Wissen nicht nur verstanden, sondern mental verfügbar gemacht – ein zentraler Faktor für Transfer im Arbeitsalltag.
Serious Games, Business Games und Lernspiele: unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel
Spielbasierte Lernformate sind kein einheitlicher Ansatz. Sie lassen sich grob in zwei komplementäre Kategorien einordnen:
1. Simulative Serious Games und Business Games
Diese Formate bilden Entscheidungssituationen realitätsnah ab. Teilnehmende übernehmen Rollen, treffen Entscheidungen und erleben deren Auswirkungen. Wissensanwendung entsteht durch Erfahrung und anschließende Reflexion.
Stärken
- Hoher Anwendungsbezug
- Klarer Transfer auf vergleichbare Situationen
- Besonders geeignet für spezifische Rollen oder Prozesse
2. Aktivierende Lernspiele im Game-based Learning
Diese Formate arbeiten stärker abstrahiert, etwa über Quiz-Mechaniken, Spielbretter oder digitale Herausforderungen. Sie simulieren nicht zwingend reale Arbeitssituationen, erhöhen jedoch Aufmerksamkeit, Wiederholung und Motivation.
Stärken
- Hohe Akzeptanz in heterogenen Zielgruppen
- Skalierbar und niedrigschwellig
- Besonders wirksam für Grundlagenwissen, Awareness und Onboarding
Beide Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: Wissensanwendung ermöglichen. Entscheidend ist nicht der Realismusgrad, sondern die Passung zwischen Lernziel, Zielgruppe und Mechanik.
Serious Games als Instrument zur Schließung der Transferlücke
Richtig eingebettet sind Serious Games, digitale Business Games, Business Escape Games und Lernspiele ein wirksamer Bestandteil moderner Personalentwicklung. Sie schaffen vergleichbare Erfahrungsräume, in denen Wissen ausprobiert, diskutiert und angewendet wird – unabhängig von Rolle oder Vorwissen.
Damit eignen sie sich besonders gut, um:
- Onboarding handlungsorientiert zu gestalten
- Wissensanwendung im Alltag vorzubereiten
- Transfer zwischen Training und Praxis zu unterstützen
Serious Games sind kein Ersatz für andere Lernformate. Sie sind ein Bindeglied zwischen Wissen und Anwendung – und genau dort entfalten sie ihre Stärke.
Fazit
Die größte Herausforderung in Onboarding und Personalentwicklung liegt nicht in fehlendem Wissen, sondern in fehlender Anwendung. Game-based Learning und Serious Games adressieren genau diese Lücke.
Nicht durch Unterhaltung, sondern durch strukturierte Erfahrung, aktive Entscheidung und reflektiertes Lernen.
Damit werden spielbasierte Lernformate zu einem zentralen Instrument, um Wissensvermittlung in wirksame Handlungskompetenz zu übersetzen.
Quellen:
Baldwin, T. T. & Ford, J. K. (1988).
Transfer of Training: A Review and Directions for Future Research.
Personnel Psychology.
Freeman et al. (2014).
Active learning increases student performance in science, engineering, and mathematics.
Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Brown, P. C., Roediger III, H. L., & McDaniel, M. A. (2014).
Make It Stick: The Science of Successful Learning.
Harvard University Press.
Sitzmann, T. (2011).
A Meta-Analytic Examination of the Instructional Effectiveness of Computer-Based Simulation Games.
Personnel Psychology.
Gee, J. P. (2007 / 2024).
What Video Games Have to Teach Us About Learning and Literacy.
Palgrave Macmillan.